Hatha Yoga

Hatha Yoga (kraftvolles/bezwingendes Yoga), auch Hatha-Vidya (Wissenschaft vom Hatha) genannt, ist der Yoga, der für die Kanphata-Sekte typisch ist. Doch dies gilt auch für die große Mengen von Lehren und Praktiken, die auf Selbsterkenntnis durch Perfektion des Körpers abzielen. Als solches ist Hatha-Yoga ein wichtiger Aspekt der gesamt-indischen Bewegung des Tantra/ Tantrismus. Die historischen Wurzeln dieses vielseitigen Yoga sind verschiedene: Auf der einen Seite ist es im tantrischen Siddha-Kult verankert (mit seinem Kaya-Sadhana = Kultivierung des Körpers). Auf der anderen Seite war es inspiriert von der Alchemier (= Rasayana). Es hat auch eine erhebliche Belebung durch den Shivismus und Shaktismus in der Form der Kundalini-Lehre erfahren. Es scheint auch eine starke Verbindung mit der Praxis der Inneren Laute (Nada-Anusamdhana) zu geben.

Der bekannteste und gefeierte Lehrer des Hatha-Yoga, der weithin als sein Erfinder gilt, ist Goraksha, ein Mitglied der Natha-Tradition, in der die Kultivierung des Körpers eine große Rolle spielt.Viele westliche Wissenschaftler glauben, dass Hatha-Yoga ein Produkt eines kulurellen Niedergangs ist. Auch in Indien selbst wurde es sehr früh in seiner Entstehungsgeschichte attackiert. Beispielsweise wird es im Laghu-Yoga-Vasishtha mit der Begründung klar zurückgewiesen, dass es nur zu Schmerzen führt. Der bekannteste Kritiker des Hatha-Yoga war Vijnana Bhikshu, ein Gelehrter und Yoga-Übender aus dem 16. Jahrhundert. Einige seiner Kritikpunkte - im Besonderen an den magischen Untertönen in dieser Richtung des Yoga - sind zweifelsohne berechtigt. Trotzdem muss man sich davor hüten, die gesamte Hatha-Yoga-Richtung zu verdammen. sie hat nämlich mit Sicherheit eine herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht. Das Etikett "dekadentes Yoga" (J.H. Woods, 1966) entbehrt jeder Glaubwürdigkeit. Abgesehen von einigen Verwirrungen ist diese positive Körper-Orientierung ein wunderbares Beispiel für den integralen Geist des Tantrismus.

Dass Hatha-Yoga kein einfacher Weg ist, besagt schon der Name Hatha: Es bedeutet nämlich "Kraft" oder "kraftvoll". In der Jivan-Mukti-Veveka wird es in klaren Kontrast gestellt zu dem, was sein Autor Vidyaranya als "sanftes Yoga" bezeichnet. Er charakterisiert die zwei verschiedenen Herangehensweisen folgendermaßen: Man kann ein Tier in seinen Stall bringen, indem man mit einem Büschel frischen Gras dort hinein lockt oder indem man es schlägt.Der erste Weg ist der bessere, der zweite verursacht Panik im Tier. Entsprechend ist Gelassenheit (samatva) dem Freund und dem Feind gegenüber eine einfache Methode, um den Geist zu unterwerfen. Der andere - schwierigere - Weg ist der der Atemkontrolle (Pranayama) und Sinneshemmung (Pratyahara). Dies zeigt schon die Tendenz gegen Hatha-Yoga, die unter den Anhängern der Vedanta-Tradition verbreitet ist, die eher zu Welt-Verneinung und Körper-Verweigerung hin geht.

Das Wort Hatha hat auch noch eine tiefere, esoterische Bedeutung: Es besteht aus zwei Silben, Ha und Tha, die sehr oft übersetzt werden mit der mikrokosmischen Sonne (Surya) un Mond (Candra), und Yoga ist die Vereinigung (Aikya) zwischen diesen beiden psychoenergetischen Prinzipien.

Hatha Yoga wird häufig dem Raja-Yoga gegenüber gestellt, dem königlichen achtfachen Weg des Pantanjali, das auch das Klassische Yoga genannt wird. Diese Unterscheidung ist aber noch relativ jung und wurde wahrscheinlich als erstes von Yijnana Bhikshu eingeführt. Hatha Yoga beinhaltete von Anfang an die höheren yogischen Zustände von Konzentration, Meditation und Extase. Aber im Gheranda-Samhita, im Hatha-Yoga-Pradipika und im Shiva-Samhita (den drei am meisten benutzen Büchern des Hatha Yoga), wird Hatha Yoga als Stufe zum Raja Yoga bezeichnet. Im Hatha-Yoga-Pradipika wird zur Erklärung folgende Metapher angeboten: Realität (tattva)ist der Samen, Hatha Yoga die Erde und Gleichmut (udasinya) das Wasser. Zusammen sorgen sie für das Wachstum des Wünsche-erfüllenden Baumes (Kapla Vriksha), der die erhabene Bedingung für extatische Transzendenz des Geistes (unmani) ist.
Aber beim Hatha Yoga geht es nicht nur um transzendente Erfahrungen. Sein eigentlicher Sinn ist es, den Körper zu einem angemessenen Fahrzeug für die Selbst-Realisation zu machen. Verkörperung wird als angeborener Vorteil angesehen und Erleuchtung hat einen bestimmten körperlichen Widerhall. Wie das Shiva-Samhita bestärkt: "Wenn der Körper, durch Karma erhalten, ein Mittel zu Auslöschung (Nirvana) wird, dann ist die Last (Vahana) des Körpersfruchtvoll, nicht anders herum." Oder mit den Worten des Gheranda-Samhita: "Wie ein ungebranntes Gefäß, das im Wasser gelassen wird, vergeht die Hülle des Körpers schnell. Wenn das Gefäß im Feuer des Yoga gebrannt wird, wird es gereinigt und ausdauernd."

So kommt es, dass Hatha-Yogis danach trachten, die Erlösung mit dem Mittel der Erschaffung eines "yogischen Körpers" zu verwirklichen. Dieser ist immun gegen Krankheiten und frei von den Beschränkungen des normalen Fleisches. Vom yogischen Körper wird gesagt, dass er mit Super-Sinnen ausgestattet ist, die weit über die Fähigkeiten normaler Personen hinausgehen. Nach dem Yoga-Shikha-Upanishad entfernt Hatha Yoga jede Flachheit oder Unreinheit, die von Defekten (Doshas) herrühren. Es wird gesagt, dass dies die zweite Stufe yogischer Errungenschaften ist. Die erste Stufe sei die Auslöschung aller Krankheiten (Roga). Die dritte Stufe wird erreicht, wenn der innere Mond (Candra) den Nektar der Unsterblichkeit hervorbringt woraufhin der Körper jugendlich wird und der Yogi eine Anzahl von paranormalen Kräften erlangt (Siddhi).

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